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Jean Paul - Aphorismen

Jean Paul Richter, gebürtiger Wunsiedler, und spät verehrter Vertreteter der deutschen Romantik hinterließ neben seinen Romanen, Satiren, Idyllen und anderen Erzählwerken eine große Zahl ungefaßter Schriften, die er in seinen Heften mit Überschriften wie "Einfälle", "Bemerkungen", "Erfindungen" oder" Bausteine" festhielt.

Gerne zitieren wir seine Aphorismen und Sentenzen als Bausteine einer humorvollen, humanistischen Kulturtradition, die vielleicht auch dem rauhen, aber herzlichen Landstrich Fichtelgebirge entspringt, der unvergessenen Heimat des Dichters Jean Paul ....



Zur Heimat


"Sonst fragt man überall bei Gedichten und Gemälden und anderen Schönheiten nach der Verschiedenhheit des Geschmacks, nur aber nicht bei den Schönheiten der Natur. Eine schöne Gegend soll dem Zuhörer ( Leser) so gefallen als dem Lobredner. der Geistliche - der Liebende - der Jüngling -der Krieger - jeder verlangt eine andere Gegend als der andere. - So sind mir die fernen Fichtelgebirge lieber als die nahen Tirolerberge bei München; nur jene lassen meine Phantasie über die Berge und hinter die Berge ziehen und in der Nebelwelt auf ihrem Nebelrücken eine neue Morgenwelt aufbauen."

"Es giebt kleine Städte, wo man auf dem Land ist, grosse neben welchen man niemals auf dem Lande ist."


Zum Mitmenschen, gerne scharfzüngig

"Um die Liebe lächerlich zu machen, lasse man nur 5 Paare auf einmal lieben."

"Populär ist nicht immer weit von pöpelhaft."

"Es gibt ja weniger Köpfe als Hälse."

"Wenn auf einmal jeder nakt ginge, so verlöre zwar anfangs das Antlitz, aber bald darauf würd' es als das einzig Seelenvolle am stärksten entscheiden."

"Die Reichen sollten stat des täglichen Brots in der Bitte um täglichen Hunger bitten."

"Der Körper ist ein Scharfrichter der Seele." - "Das Fett ist sein erster Sarg."

"Das Lächeln mancher Gesichter ist das Zucken des Korkholzes zum Beweise, daß ein Fisch angebissen."

"Wer nicht mehr als ein Mensch sein wil, wird weniger als ein Mensch."

"Ich wollte, man könnte die Menschen so zahm machen wie die Tyger."


(Sich selbst) beobachtend

"Der Mensch ist nie allein, das Selbstbewußtsein macht, daß immer 2 ichs in einer Stube sind."

Essen, Trinken, Geld, ja Gesundheit sind mir nichts in der Wage der ästhetischen Arbeit; für diese hingegen esse, trinke ich p. Nur die Genüsse der Natur, der Liebe, der Religion behaupten ihre eigene Herrschaft."

"Die Poesie ist die Aussicht aus dem Krankenzimmer des Lebens."


Zur Politik

"Um den eigenen Charakter zu beurtheilen, sollte man sich in die Stelle eines Franzosen, Spaniers, Italieners setzen und sich ihr Urtheil über uns denken."

"Die Triumphbogen der Menschen gleichen dem Regenbogen, durch den noch niemand in die Welt ging."

"Die Strafe des Diebstahls sollte gerade im umgekehrten Verhältnis mit dem Reichthum des Bestohlenen stehen."

"Seltsam der Soldatenstolz auf ihr Kraftansehen, da sie alle ein einzelnes Männchen regiert."

"Hätte man gleich starke Liebe gegen alle Menschen, brauchte man keine Gerechtigkeit, die jene ergänzt."


Zum Leben, zu den Weibern

Frauen - "Wenn ich an eure Tugenden denke: so lieb' ich euch zu sehr. Wenn ich an euere Fehler denke - ach die kan ich eben von ienen nicht unterscheiden und ich lieb' euch wieder zu sehr."

"Mut. Die Ursache warum ein Mensch neben einem anderen so viel mehr Mut hat als allein, liegt tiefer. Das Alleinsein ist uns der fürchterlichste Gedanke der Schöpfung und eine Furcht, die nie recht aus uns will."

"Am Buch des Lebens sind wie in medizinischen Büchern die Rezepte hinten dran."

"Heirathen in der Jugend heißt sich im Sommer einen Ofen miethen; erst im Winter weiß man, ob er heizt oder raucht."

"Aemter und Weiber mus man spät nehmen, um muthig und unbürgerlich zu bleiben."

"Man darf nicht wünschen, eine andere Frau geheirathet zu haben, wenn die Kinder der jetzigen gesund und trefflich sind."

"Im Alter will man keine neuen Freunde, aber neue Freundinnen."

"Das Feuer der Liebe läßt Brandstätten zurück."


Von Gott und der Welt

"Die Himmelsleiter braucht eine Erde und einen Himmel zugleich."

"In jedem Kind wird Gott wieder Mensch; dieselbe Heiligkeit, Bedürfnis p. Alles ist schwach, nichts ist schlecht. Das Gemeinste erhält durch die unentwickelte Heiligkeit und Reinheit (- denn nur Gott und ein Kind ist heilig -) Bedeutung. Sogar jede Leidenschaft ist nur lyrische Sittlichkeit."

"Die Priester bringen uns Briefe vom Himmel; aber sie sind nicht frankiert."

"Die Theologie gestattet der Vernunft nur Fastenspeisen."

"Die Heiden kommen als blinde Passagiers in den Himmel, ohne daß die theologischen Postmeister was davon wissen."

"Ohne einen Gott wäre jedes Ich einsam unter den andern Ichs, zu denen es nicht so unmittelbar kommen kann, als zu ihm."

"Wenn das Herz das Wahre hat und sucht, ists gleichgültig, wo der Kopf irrt."

"Man könnte ein Skeptiker werden, wenn man sich die Menge von Systemen und Irrthümern ausmalte, die in der Zukunft erscheinen müssen.


Zum Trinken und Scherzen

"Entwirf bei Wein, exekutiere bei Kaffee."

"Man wird um so jünger, je mehr man trinkt, anstatt 30 Jahre alt, dan 20, dan 15."

"Andere trinken sich beredt; ich rede mich betrunken."

Aus der von den Autoren Wölfel und Wirtz zusammengestellten Sammlung "Ideengewimmel"/ Eichbornverlag 1996, ISBN


Wenn Sie am Ort in Wunsiedel mehr von den bemerkenswerten Schriften Jean Pauls Lesen wollen, finden Sie die gut sortierte Bücherei Kohler und das Antiquariat Wunschheim - vielleicht treffen Sie sich im Geburtshaus Jean Pauls mit mit einem lokalen Stadtführer und sehen im Fichtelgebirgsmuseum nach seinen Spuren...


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