Die illustren Bewohner in der "Breiten Straße"

Wie ein Generationenroman mit illustren Gestalten liest sich die Liste der Bewohner des Hauses, das sich auf dem "Boulevard" des mittelalterlichen Stadtzentrums befand. Dabei zeigt sich, bedingt durch die wechselvolle Geschichte und wiederholten Brände, daß wir in der Breiten Straße 3 tatsächlich eine ewige Baustelle mit wechselnden Bauherren vorfinden...

H.H. Holzschuher-Portrait Stadtplan des mittelalterlichen Wunsiedel

Die Blechzinner (1350 -1650)

Die ersten Bewohner, die sich aus dem Stadtarchiv nachweisen lassen, sind die Familie Gropp, eine Blechverzinner-Dynastie, die vielleicht mit für den Erbau des ursprünglichen Gebäudes verantwortlich war und dort womöglich schon um 1350 neben der Familie Friesner ansässig war. Auf dem gleichen Areal stand aber schon frühzeitig - 1436 erstmals nachweisbar - auch das Stammhaus der Familie Friesner. Aus dieser Familie ging eine Tochter hervor, die Stammmutter der Familie Pachelbel wurde. Beide Familien stammten aus dem Adel und führten Wappen (Gropp führte als Wappen eine stilisierte Lilie, Pachelbel einen Pelikan).
Dieses Haus erwarb um 1535 Fritz Gropp, der Urenkel des erstgenannten Gropp, und gliederte es in seinen Besitz ein. Er scheint den sehr alten Teil der Gebäude abgerissen zu haben und errichtete einen Raum für seine Blechzinnerei. Nach seinem Tod 1554 lag das ganze Areal brach, bis es ca.1610 der Blechzinner Balthasar Bauer erwarb und erneut mit seinem Handwerk belebte.Durch die Besitzerliste ist erwiesen, daß auf dem Areal um 1448 auch Andreas Friesner geboren wurde, der als Rektor der Universität Leipzig und später Protonotarius am päpstlichen Hof in Rom sowie Beichtvater des Papstes Alexander VI war.

Die Gerber (1656 - 1721)

Der dreißigjährige Krieg und der erste große Stadtbrand 1646 mit den erfolgten Schäden am Gebäude führten zum Verkauf des Hauses, das zeitweise im Beschlag der Stadt Wunsiedel lag, die obendrein angefallene Kriegssteuerschulden reklamierte.
Man muß annehmen, daß der Gerber Samuel Kripner sofort nach seiner Eheschließung mit Eva Bauer im Jahr 1654 das baufällige und abgebrannte Haus bezog. Da Gerber nachweislich viel Platz für ihr Handwerk brauchten, war ihm dafür das langgestreckte Erdgeschoß recht. Samuel Kripner, der seit 1679 Ratsherr war, erreichte das damals außergewöhnliche Alter von 83 Jahren. Er starb 1712. Aufzeichnungen weisen ihn als Bürger in guten Vermögensverhältnissen aus. Auch braute Samuel Kripner selbst Bier und schenkte es aus.

Die Dynastie Keil (1721 - 1775)

Christoph Keil gilt als einer der bedeutendsten Ärzte, die je in Wunsiedel lebten. Er war in Ölsnitz (Vogtland) geboren und dort auch zuerst als Physicus tätig. 1716 heiratete er eine Tochter des Advokaten und Bürgermeisters Johann Martin Hammer in Wunsiedel. Im November 1717 erlangte er hier die Stelle eines Stadtphysicus und wurde gleichzeitig Landphysicus für das Gebiet der Sechs Ämter. Um 1735 schrieb er als erster eine ausführliche "Nachricht" über die 1734 entdeckte Heilquelle unterhalb von Sichersreuth. Schon 1729 hatte er einen Bericht über den Sauerbrunnen in Kothigenbibersbach veröffentlicht. Außerdem verfaßte er in seiner Wunsiedler Zeit vier "Handbüchlein" zu verschiedenen Sparten der Medizin. Im Jahre 1725 schloß Dr. Keil eine 2. Ehe mit Margaretha Magdalena Riedel.
In den Jahren 1721 bis 1724 baute Dr. Keil das Haus zu einem stattlichen dreigeschossigen Gebäude aus. Im Obergeschoß richtete er sich ein Observatorium ein. Nach Fertigstellung des Gebäudes erhielt er auf sein Betreiben hin einige Jahre der Steuerfreiheit. Vor allem zur Staßenseite hin erhielt das Haus eine schöne Giebelfront, die allerdings bereits nach 6 Jahren beim großen Stadtbrand vom 29.7.1731 (wie die meisten Gebäude der Stadt) den Flammen zum Opfer fiel. Dabei wurden die schöne Hausbibliothek und das Observatorium ebenfalls zerstört. Allerdings konnte Dr. Keil einen stattlichen Teil seiner Bücher retten.

Dr. Keil starb am 31.10.1736 im Alter von 56 Jahren. Bis ins Jahr 1775 blieben seine Nachkommen Inhaber des Hauses. Sein Sohn Peter lebte, ebenfalls als Landphysikus, und später im Amt des Bürgermeisters tätig, im Vaterhaus. Von ihm wurde das Haus an den markgräflichen Stadtrichter und Landvogt Johann G. F. Killinger verkauft, der 1785 verstarb. Nun erwarb der Gürtlermeister und Handelsmann Friedrich Holzschuher das Gebäude.

Die Ära Holzschuher (1785 - 1807)

Sebastian Friedrich Holzschuher, Handwerker und Handelsmann, richtete im Haus eine Billardstube ein, die fürderhin zu einem Treffpunkt und Salon der oberen Wunsiedler Bürgerschaft avancierte. Aufgrund der sich verschlechternden wirtschaftlichen Situation in der Napoleonischen Zeit, mußte sich Holzschuher beruflich auf fremdes Terrain begeben, handelte nun mit Kräutern, büßte aber einen großen Teil seinens Vermögens ein und war zum Verkauf seines Grundbesitzes gezwungen um seine achtköpfige Familie zu ernähren. Als Mieter nahm er 1804 den Buchdrucker Franz Müller auf, der seit 1799 in Wunsiedel lebte und das "Wunsiedler Wochenblatt" druckte. So wurde in den Jahren 1804 bis 1807 die erste Wunsiedler Zeitung im Hause Breite Straße 3 herausgegeben. Im Juli 1807 mußte Holzschuher im Wochenblatt sein Haus zum Verkauf anbieten. Er verstarb 1810.

Spätere Besitzer können aus zufälligen Erwähnungen in den städtischen Archiven zwar noch aufgefunden werden, diese Auflistungen geben allerdings nur noch Namen wieder und lassen weitere Hinweise auf Nutzung und Veränderungen im Hause vermissen.

Neueste Zeit - Zur ewigen Baustelle

1991 erwirbt German Schlaug das Gebäude aus den Händen einer Erbengemeinschaft. Der Zustand des Hauses war im Wesentlichen seit dem Wiederaufbau 1834 (letzter großer Stadtbrand) unverändert geblieben. Es besteht ein enormer Sanierungsaufwand, da teilweise einsturzgefährdete Gewölbe und Bausünden der vergangenen Jahrhunderte aufgearbeitet werden müssen.
In einer Zeitspanne von beinahe 7 Jahren und mit enormem finanziellen Aufwand gelingt es dem neuen Eigentümer das Gebäude nach denkmalpflegerischen Aspekten zu restaurieren und der neuen Nutzung als kulturellem Begegnungsort und Gaststätte zuzuführen. Wegen der langen Bauzeit erhält das Objekt von Anwohnern und Zaungästen den Spottnamen "ewige Baustelle". Da sich die Geschichte des Hauses tatsächlich wie eine jahrhundertelange, fortgesetzte Baumaßnahme liest, gibt der neue Name mehr Sinn, als mancher Spötter meint und wird schnell zur festen Bezeichnung für das neueröffnete Wirtshaus. Aufgrund der vielfältigen Aktivitäten, die aus dem Kreis der dort engagierten "Kulturbauer" hervorgehen, ist die "ewige Baustelle" heute bereits weit über Wunsiedel hinaus bekannt.

(weiteres siehe Sanierung)

 
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